Bericht der Geflüchteten in Stephansposching zur Polizeirazzia am 24.10.2018

(Übersetzung aus dem Englischen)

Wir, eine Gruppe der Bewohner_innen aus der Ankerzentrum-Dependance in Plattling/Stephansposching, haben uns entschlossen, unsere Sichtweise schriftlich zu schildern, um genau zu erklären, was am Mittwoch passiert ist. Denn wir möchten, dass die Öffentlichkeit erfährt, was zwischen den Geflüchteten und der Polizei vorgefallen ist. Es sind Anschuldigungen im Raum, die Geflüchtete betreffen, die nicht richtig sind und die nicht geschehen sind. Es ist nicht gerecht von der Polizei, uns auf diese Art und Weise zu behandeln und hinzustellen, wie sie es getan haben. Aus Angst vor weiteren Repressionen und Abschiebungen wollen wir anonym bleiben.

Die Polizei kam am Mittwoch gegen 2 Uhr morgens ins Geflüchtetenlager, um einen Geflüchteten aus Sierra Leone nach Italien abzuschieben. Andere bekommen in letzter Zeit eine Ankündigung über die bevorstehende Abschiebung, mit dem Datum und der Uhrzeit der Abholung, und dass man sich im zugewiesenen Zimmer aufhalten solle. Diesen Bescheid hat der gesuchte Mann aus Sierra Leone jedoch nicht erhalten. Als die Polizei dann am Mittwoch um 2 Uhr morgens kam, um die Abschiebung vorzunehmen, gingen sie nicht nur in das Zimmer des gesuchten Sierra Leoner. Sie rissen das gesamte Lager aus dem Schlaf, blockierten und brachen jedes Zimmer auf, attackierten und brüllten jede Person, die im Lager lebt, aggressiv an.

Weil die Polizei den Gesuchten in keinem der Zimmer finden konnte, begannen sie damit, alle aus den Betten zu zerren. Dabei nahmen sie keine Rücksicht darauf, dass sich bei uns auch ein wenige Monate altes Baby sowie eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern befanden. Und das alles mitten in der Nacht, weil die Polizei einen Mann abholen will.
Deswegen begannen wir „this is not right, this is not done” zu rufen. Die Polizei ist gekommen um eine einzelne Person abzuholen. Sie können in sein Zimmer gehen und nach ihm suchen, aber sie können nicht mitten in der Nacht das gesamte Lager aus dem Schlaf reißen. Es gibt Leute, die hier im Lager arbeiten und jede_n von uns kennen. Die Polizei kann das Personal des Sicherheitsdienstes fragen, welches das Zimmer der gesuchten Person ist.

Die Polizist_innen klopfen auch nicht an die Türen, sondern sie treten sie ein und bringen jede_n in Verlegenheit, da man um die Uhrzeit im Bett liegt und schläft. Einer von uns, der ebenfalls brutal geweckt wurde, fragte die Polizei: „Was wollen Sie denn? Ich bin nicht die Person, die Sie suchen.“ Daraufhin schrien die Beamt_innen der Polizei ihn an: „Shut up.” Der Mann sagte: „Was Sie hier machen, ist nicht richtig und es ist nicht gerecht. Ich habe geschlafen, bis Sie gekommen sind und meinen Schlaf unterbrochen haben und Sie erzählen mir, ich soll mein Maul halten? Nein, das ist mein Recht. Ich werde nicht still sein.” Daraufhin packte ihn die Polizei brutal, nahm ihn am Genick, drehte seine Arme auf den Rücken, drückte ihn zu Boden und zerrte ihn nach draußen ins Polizeiauto.
Jetzt hat jede_r im Camp gerufen: „Das ist nicht richtig, das macht man nicht [This is not right, this is not correct].” Nur weil wir Geflüchtete sind, sind wir nicht rechtlos. Es ist nicht richtig, einfach grundlos jemanden festzunehmen.
Wir gingen nach draußen und sprachen mit der Polizei. „Unser Bruder hat euch nichts getan und er ist nicht der, weshalb ihr gekommen seid. Er hat nichts Falsches gesagt. Wenn ihr ihn mitnehmen wollt, dann müsst ihr uns alle mitnehmen.“ Während wir mit der Polizei sprachen, konnte sich der Mann im Auto befreien und die Türe vom Polizeiauto öffnen und ist davongelaufen. Als der Mann weg war, ist auch die Polizei abgezogen. Wir sind wieder zurück ins Lager. Alle Geflüchteten waren unglücklich über die Situation und über das, was passiert ist. Die Security und die Heimleitung standen draußen.

Zwischen 10 und 11 Uhr sahen wir die ersten Polizeiautos… Die Security und die Heimleitung haben das Camp verlassen. Zwischen 11 und 12 Uhr kam immer mehr Polizei und schließlich sind sie ins Camp und haben jede_n kontrolliert. Sie sagten, sie hätten die Information bekommen, dass sich im Lager Drogen befinden würden und wir Geflüchteten Drogen im Lager verkaufen würden. Außerdem sollen wir Waffen und Messer haben und wir würden im Lager randalieren. Aus diesem Grund seien sie hier. Wir sagten ihnen:
„Ok, wenn dies die Informationen sind, die Sie haben, dann durchsuchen Sie das Lager. Durchsuchen Sie alles.“ Und die Polizei durchsuchte alles. Sie durchsuchten die Zimmer, die Badezimmer, sie brachen die Schlösser der Schränke auf, schnitten unsere Rucksäcke auf, verwüsteten das gesamte Lager. Sie taten, was sie wollten. Sie gingen uns gewaltsam an, schubsten uns herum. Wir waren mit der Durchsuchung einverstanden. Denn wir waren sicher, dass wir ihre Informationen widerlegen konnten, weil wir gesetztestreue Menschen sind, weil wir Schutzsuchende sind, die Polizeibeamt_innen respektieren und sie nicht in ihrer Arbeit behindern wollten. Dennoch trat die Polizei uns gegenüber äußerst aggressiv auf und behandelte uns brutal.
Trotz der gründlichen Durchsuchung mit Hunden und durch bewaffnete Polizist_innen, konnte keine einzige Waffe oder Droge im Camp gefunden werden. Die Polizei verriegelte das ganze Lager und sperrte sogar die Autobahn ab. Warum nur? Es konnte ja keine*r raus. Und sie fanden nichts, gar nichts! Später fingen sie an, unsere Ausweise zu kontrollieren. Bei der Ausweiskontrolle brüllten sie uns an: „Hast du Waffen? Hast du Drogen?“ Fürchterliches Geschrei. Es hallte durch das gesamte Gebäude. Wenn man sagte „nein, ich habe nichts von alledem“, dann fingen sie wieder von vorne an mit dem Geschrei und dem Gebrüll. Es war eine öffentliche Schande, die uns Geflüchteten widerfahren ist.

Dies ist, was am Mittwoch, den 24.10.2018, in der Geflüchtetenunterkunft in Stephansposching zwischen der Polizei und den Geflüchteten geschehen ist. 17 Geflüchtete wurden festgenommen. Die Polizei hat uns nicht zugehört und keine Möglichkeit gegeben, uns zu erklären. Sie hörten nur auf die Security und die Heimleitung. Denn für die Polizei sind sie die Guten und wir die Bösen. Die Polizei kam, um eine einzelne Person abzuholen. Und sie terrorisierten und kriminalisierten das gesamte Lager. Die Anschuldigungen, die über uns verbreitet wurden – sie sind nicht wahr. Die Informationen, die die Polizei angeblich gehabt haben will, lassen sich durch nichts beweisen. Das Bild, was über uns Geflüchtete verbreitet wird, ist nicht richtig. Wir sind friedliche Menschen, die Schutz suchen.

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