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„Damit sie sehen, was sie den Schwarzen Menschen im Deggendorf-Camp antun“

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Am 22.01.2019 kommt es mittags in der Deggendorfer Kantine des Ankerzentrums, in der alle essen müssen, da kochen nicht erlaubt ist, da gekochtes Essen als Sachleistung ausgegeben wird, zu einem Streit wegen einer Hausausweiskontrolle. Der beteiligte Security-Mitarbeiter wird handgreiflich gegenüber einer Bewohnerin und drückt sie gegen die Wand. Ein Bewohner fragt, was los sei. Mehrere Securitys kommen hinzu, dem Bewohner wird ins Gesicht geschlagen, er trägt eine Weichteilverletzung und Hämatom der Mundschleimhaut und Lippe davon (s. Foto), die Bewohnerin wird eine Treppe hinuntergeschubst und auf sie eingetreten (s. Foto). Währenddessen ist sie, wie auch der andere Bewohner, bereits fixiert worden.
Die Polizei wird hinzugerufen. Daraufhin ermittelt sie unglaublicherweise gegen die Opfer der Gewalt, die beiden Bewohner*innen, wegen gefährlicher Körperverletzung.

Die Menschen im Camp versammeln und beratschlagen sich, was zu tun sei angesichts dieser Gewalt. Sie protestieren ob der Situation und dass ihnen niemand zuhört, auch dass die Betroffenen nicht unterstützt werden. Ein Brandmelder wird ausgelöst. Schließlich ein Krankenwagen für die Verletzten gerufen. Im Arztbrief der Bewohnerin wird später die Diagnose Muskelzerrung an Halswirbelsäule und Prellung der Brustwirbelsäule vermerkt werden. Trotz starker Schmerzen wird sie mit Ibuprofen-Schmerztabletten aus dem Klinikum Deggendorf entlassen, wie es häufig bei Bewohner*innen des Ankerzentrums der Fall ist. Laut Presse soll sogar wegen Missbrauch des Notrufs ermittelt werden.

Am nächsten Tag beleidigt der Securitymitarbeiter, der am Vortag den gewalttätigen Konflikt auslöste, eine Gruppe von afrikanischen Geflüchteten, daraufhin eskaliert die Situation erneut, wieder kommt die Polizei (mit ca. 50 Beamt*innen), befragt und schüchtert ein. Es bleibt wieder einmal zu konstatieren: Deggendorf, du mieses Stück Deutschland!

Da wir keine rassistischen Lokalblättchen oder Polizeimeldungen verlinken, sondern die negativ Betroffenen zu Wort kommen lassen wollen, werden unten zwei übersetzte Berichte sowie Fotos aus dem Camp veröffentlicht.

Wir fordern, dass die Security als solche in Ankerzentren abgeschafft wird. Sie stellt den verlängerten Arm der Repressionsorgane des deutschen Staates zur Kontrolle und Kriminalisierung von geflüchteten Menschen dar.

Gerade in Deggendorf findet eine rassistische Spaltung der Geflüchteten mithilfe der Campstruktur und der Security statt, da Afrikaner*innen getrennt von Menschen aus z.B. Azerbaijan untergebracht werden. Nur das alte Gebäude, in dem vornehmlich die afrikanischen Menschen leben müssen, ist eingezäunt und verschlossen – mit ständiger Einlasskontrolle am Tor und der dazugehörigen Schikane.

Weg mit Einlasskontrollen, außerdem wollen wir ein Besuchsrecht für Gäste! Die knastähnlichen Zustände müssen beendet werden!

Wir fordern außerdem Zugang zu – den teilweise noch vorhandenen, aber abgesperrten – Küchen im Gebäude und eine Abschaffung der Kantine mit ihrem Fertigessen. Schluss mit der Entmündigung!

Kurz gesagt geht es um die grundlegende Forderung nach der Anerkennung des Menschseins, »…denn die Liebe ist dem menschlichen Herzen natürlicher als ihr Gegenteil. «¹ Mit diesem Evergreen schließen wir unsere Stellungnahme – kurz gesagt fordern wir eure Solidarität! Gell!?

Presseanfragen – auch an Bewohner*innen – bitte via: nodeportation.nowhere@autistici.org

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Erster Bericht aus dem Ankerzentrum Deggendorf:

Heute am 22.1.2019 um etwa 12 Uhr wurden zwei Migrant*innen aus Afrika im Deggendorfer Asylbewerber Lager massiv geschlagen. Es verlief so, dass eine Frau zum Essen zur Kantine ging und das Sicherheitspersonal sie nach ihrer weißen Karte fragte, die Karte, die Menschen im Lager erhalten, um in der Kantine zu essen (Hausausweis). Diese Frau nahm die weiße Karte aus ihrer Tasche und zeigte sie dem Mitarbeiter, woraufhin er verlangte, dass sie ihm diese gebe. Sie antwortete, dass sie ihm diese bereits gezeigt hatte und sie sei sich sicher, dies sei ausreichend. Dann versuchte die Frau, die Kantine zu betreten, woraufhin der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma sie an die Wand drängte und sie mit seinem Ellenbogen dagegen presste. Ein Mann hatte die Szene von Beginn an beobachtet und versuchte daraufhin einzugreifen, um zu verhindern, dass die Frau verletzt wird. Daraufhin wurde dieser Mann von dem gesammelten Security-Personal angegriffen und massiv geschlagen. Es liegen Fotos von diesem Mann vor, die seinen Zustand zu beweisen. Außerdem zeigt ein Video, wie die Frau weint und schreit. Während ich diesen Bericht schreibe, ist das gesamte Lager in Aufruhr und alle schreien. Der Mann und die Frau, die geschlagen wurden, befinden sich jetzt im Krankenhaus. Die Migrant*innen im Lager planen jetzt einen Streik für ihre Rechte. Da anscheinend niemand bereit ist für sie zu kämpfen, kämpfen sie jetzt für sich selbst.“

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Zweiter Bericht aus dem Ankerzentrum Deggendorf:

Heute am 23.01.2019 wissen wir – wie gestern – immer noch nicht, was als Nächstes passieren wird. Heute sind die Migrant*innen vom Deggendorfer Asyl-Camp rausgegangen und haben die maximale Freiheit, hier leben zu können, gefordert. Leider wurde die Polizei involviert und die Leute waren eingeschüchtert, die Polizei hat mit einigen im Gebäude des Bamf Gespräche geführt. … Einer der Geschädigten lebt schon 15 Monate in diesem Camp, manche bereits länger. Dies geht raus an alle: Wenn das jemandem in eurem Umfeld passieren würde, wie würdet ihr euch fühlen? Wie würdet ihr euch verhalten?“

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1) Originalzitat: “No one is born hating another person because of the color of his skin, or his background, or his religion. People learn to hate, and if they can learn to hate, they can be taught to love, for love comes more naturally to the human heart than its opposite.” – Nelson Rolihlahla Mandela, “Long Walk to Freedom”

Übersetzung: „Niemand wird geboren und hasst einen anderen Menschen aufgrund dessen Hautfarbe, Hintergrund oder Religionszugehörigkeit. Menschen lernen zu hassen. Und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann ihnen auch gelehrt werden zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil.“ – Nelson Rolihlahla Mandela, „Long Walk to Freedom“

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