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Wer schweigt, wer redet? Wer wird gesehen, wer wird gehört?

PRESSEMITTEILUNG

Am 2. Juli 2018 stattete der Bayerische Staatsminister des Innern und gegen Integration Joachim Herrmann unserem Camp einen Besuch ab. Jedoch: Mit uns sprach niemand. Spontaner Sitzprotest gegen rassistische Ignoranz folgte. (more…)

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Redebeitrag zur Demonstration „It is time – Für ein besseres Morgen“ am 8.6.2018 in Regensburg (Thema: AnKER-Zentren)

Wir beginnen unsere Demonstration heute vor dem Regensburger „Transitzentrum“, weshalb wir einige Worte zu diesem Themenkomplex verlieren wollen:
Das „Transitzentrum“ ist das bayerische „Vorzeige“- und Vorläufermodell des „AnKER“-Zentrums, welches offiziell „AZ“ abgekürzt wird und bundesweit eingeführt werden soll. Trotz unterschiedlicher Bezeichnungen bedeuten diese Zentren jedoch immer die gleiche Scheiße, nämlich Abschiebelager.
In sog. AnKER-Zentren sollen das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), Jugendämter, Verwaltungsgerichte, Ausländerbehörden und andere staatliche Institutionen sowie eine Kantine und eine Ausgabe für Sachleistungen vor Ort sein.  Geflüchtete sind innerhalb dieses Behördenkomplexes geographisch, sozial, psychisch, emotional, finanziell etc. gebunden und bewegen sich fortlaufend im Kreis. Außerhalb dieses Behördenkomplexes sind sie – anders als die dort angestellten und mit ihnen interagierenden Deutschen – strukturell unerwünscht, also de facto von der Außenwelt abgeschnitten. Wir sehen, dass die deutsche Willkommenskultur mit ihrem Slogan „Refugees welcome“ und ihrer Selbstbeweihräucherung am Stacheldrahtzaun des AnKER-Zentrums ihre Grenze findet, denn außerhalb des Zauns erwartet die Geflüchteten nichts und wartet auch niemand auf sie.
Dieses parallele Leben beschrieb schon 1961 Erving Goffman mit dem Begriff der totalen Institution. Er untersuchte damals das Leben von Insassen psychiatrischer Institutionen, von Inhaftierten und auch Menschen in Heimen. Nach Goffman reglementiert die totale Institution das Leben der in ihr untergebrachten Menschen allumfassend bis ins letzte Detail. Dieses Modell ist auch auf den großen Behördenkomplex AnKER-Zentrum übertragbar und stellt das totale System für eine komplette Desintegration aus der Gesellschaft dar.
Als einziger Ausweg aus diesem Komplex wird vom Staat die sog. „freiwillige“ Ausreise suggeriert. Kommt man der Ausreise nicht nach, wird diese irgendwann ohne Vorankündigung nachts durch die Polizei gewaltsam vollzogen – wobei diese regelmäßig Teil des übermächtigen Behördenkomplexes des AnKER-Zentrums wird.
In seiner weisen Voraussicht hat das bayerische Kabinett mal wieder ausgeholt und diese Woche einstimmig neue Asylrechtsverschärfungen abgesegnet. Denn die Landtagswahl wirft ihre Schatten voraus und die CSU geht als Vollstreckerin des rassistischen Grundkonsenses der Gesellschaft schon mal in Vorleistung. Die Verschärfungen sollen schon Anfang August in Kraft treten und sollen hier kurz erwähnt werden:
In jedem bayerischen Bezirk soll ein AnKER-Zentrum eingeführt werden. Dort sollen alle neu ankommenden Geflüchteten untergebracht werden. Ziel ist die vollkommene Kontrolle und der bestmögliche Zugriff auf die dort Untergebrachten durch den Staat. Eigene Charterflüge mit speziell geschulter Polizei sollen zur Verfügung gestellt werden, damit Abschiebungen noch schneller und außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung durchgeführt werden können. Söder kündigte für die afrikanischen Länder ein einheitliches Abschiebeprogramm an. Eine Grenzpolizei genannte Truppe mit 1000 Beamt*innen soll bis 30 km ab der bayerischen Grenze Menschen kontrollieren, racial profilen und festnehmen dürfen.
Weiterhin ist geplant, überhaupt kein Taschengeld mehr auszuzahlen, sondern nur noch Sachleistungen auszugeben. Dafür dürfen Geflüchtete bis zu ihrer Abschiebung 5000 neugeschaffene gemeinnützige 80-cent-Jobs ausüben, z.B. ihre Unterkünfte putzen oder den Rasen davor mähen – wer sich dieser Arbeit verwehrt, dem drohen Sanktionen. Sklaverei-ähnlichere Zustände kann man sich wohl nicht ausdenken!
Wir stellen fest: Bayern rüstet auf und zwar gründlich und schnell.
Aber was ist unsere Antwort? Wie sieht unser Handeln aus? Ist in der heutigen antirassistischen Szene noch mehr drin, als mitleidig durch den Stacheldrahtzaun zu blicken?
Lasst uns zusammenkommen, lasst uns uns organisieren und ganz konkret das bessere Leben für alle einfordern! Denn es ist schon längst Zeit für ein besseres Morgen!

Pressespiegel zum Abschiebelager in Deggendorf vom 14.5.-19.5.2018

Vorab: Deggendorf, du mieses Stück Deutschland!
In Deggendorf betrieb die Polizei diese Woche Eskalation vom Feinsten: Mehrmals stürmten sie das örtliche Abschiebelager in Nacht- und Nebelaktionen mit hunderten Bereitschaftspolizeibeamt*innen, Hunden und ihrem sonstigen bekannten Arsenal. Dabei wurden jedes Mal geflüchtete Menschen eingeschüchtert, attackiert, Familien auseinandergerissen, mit Gewalt in Gewahrsam oder Abschiebehaft gesperrt sowie abgeschoben.
Getreu der hiesigen Tradition macht der niederbayerische Polizeipräsident Rückl am 15.5.2018 denn auch klar: „So etwas [wie in Ellwangen] darf bei uns nicht passieren und wird bei uns nicht passieren.“ Nur – dieses Mal fühlten sich die Behörden erst gar nicht genötigt, vermeintliche Vorkommnisse oder Angriffe auf Polizeibeamt*innen herbeizukonstruieren, wie dies im berühmten Ellwangen oder dem bayerischen Donauwörth zuvor der Fall war. Das erklärte Ziel ist jedoch dasselbe: Einschüchterung, Machtdemonstration und die Zerstörung solidarischer Strukturen.
Die Lokalpresse stört sich wenig an der brutalen Abschiebemaschinerie, sondern mischt eifrig mit. Wie in Donauwörth übernimmt sie sogar häufig eins zu eins die Pressemitteilungen der eskalierenden Polizeibeamt*innen, s.u. (der Unterschied zur dezidiert rechten Presse verschwimmt mehr und mehr). Die Perspektive der Betroffenen vor Ort zu erfragen, gehört schon lange nicht mehr zum guten Ton. Sogar bei der Abschiebung werden die Menschen noch mittels rassistischer Stereotype in gute und böse Abzuschiebende geteilt: die aserbaidschanischen Geflüchteten ließen sich angeblich „völlig problemlos“ abschieben, während „die Afrikaner“ sich wehren würden und „gefesselt werden müssten“ (auch wenn sie hochschwanger sind). Die gute Asylsuchende ist nämlich diejenige, die sich gut abschieben lässt!
Die namenlosen festgenommenen Menschen verkommen zu Zahlen und Daten für die Meldungen der lokalen, rechten Presse. Und die Polizei phantasiert heiter weiter vom Schutz vor „rechtsfreien“ Räumen in Räumen, in denen für Geflüchtete sowieso weder Schutz noch Recht existiert – denn Abschiebelagern ist die Schutzlosigkeit inhärent.
Warum überhaupt so ein widerlicher Pressespiegel? Unsere Zustände sind widerlich und verlangen nach einer widerlichen Chronik. Sodenn: Genießet mit Vorsicht!
Unsere Solidarität gegen ihre Repression!
Organisiert euch, fahrt zu den Betroffenen und unterstützt sie in ihren Bedürfnissen und Kämpfen!

Montag, 14. Mai 2018
Solidarity and Resistance: „Massive Polizeigewalt bei überfallartigem Einsatz in Deggendorf und Hengersberg am 14/05/18: Die Sicht der Betroffenen“ https://solidarityandresistance.noblogs.org/post/2018/05/17/massive-polizeigewalt-bei-uberfallartigem-einsatz-in-deggendorf-und-hengersberg-am-14-05-18-die-sicht-der-betroffenen/
Bayerischer Rundfunk: „Abschiebungen – Polizeieinsatz im Transitzentrum Deggendorf“ https://www.br.de/nachrichten/niederbayern/inhalt/polizeieinsatz-im-deggendorfer-transitzentrum-100.html
Bayerischer Rundfunk: „,Medizintouristen‘ – Transitzentrum Deggendorf: Arzt beendet Tätigkeit nach Übergriffen“ https://www.br.de/nachrichten/niederbayern/inhalt/transitzentrum-deggendorf-arzt-beendet-taetigkeit-nach-uebergriffen-100.html
Pressemitteilung der Polizei Bayern: „Polizeieinsatz im Bayerischen Transitzentrum Deggendorf“ http://www.polizei.bayern.de/niederbayern/news/presse/aktuell/index.html/279253
Wochenblatt: „Abschiebehaftbefehle – Polizeieinsatz im Transitzentrum Deggendorf“ https://www.wochenblatt.de/polizei/deggendorf/artikel/240558/polizeieinsatz-im-transitzentrum-deggendorf
Deggendorfer Zeitung / PNP: „Abschiebungen: Polizeieinsatz im Deggendorfer Transitzentrum“ https://www.pnp.de/lokales/landkreis_deggendorf/deggendorf/2945714_Abschiebungen-Polizeieinsatz-im-Deggendorfer-Transitzentrum.html
Deggendorfer Zeitung / PNP: „Nach Attacke auf Arzt: ,Konkrete Sicherheitsmaßnahmen‘ angeboten“ https://www.pnp.de/lokales/landkreis_deggendorf/deggendorf/2946339_Nach-Attacke-auf-Arzt-Konkrete-Sicherheitsmassnahmen-angeboten.html
Dienstag, 15. Mai 2018
The Voice Refugee Forum: „Massive Polizeirazzia im Transitzentrum Deggendorf (Bayern)“ http://thevoiceforum.org/node/4520
Focus Online: „Gesetz regelt Leistungen klar – Flüchtlinge als ,Medizintouristen‘? Ärzte machen bayerischem Kollegen schwere Vorwürfe“ https://www.focus.de/politik/deutschland/gesetz-regelt-leistungen-klar-fluechtlinge-als-medizintouristen-aerzte-machen-deggendorfer-kollegen-schwere-vorwuerfe_id_8928128.html
Deggendorfer Zeitung und Heimatzeitung / PNP: „Großeinsatz in Deggendorfer Transitzentrum: Das sagt die Polizei“ https://www.pnp.de/lokales/landkreis_deggendorf/deggendorf/2946382_Grosseinsatz-in-Deggendorfer-Transitzentrum-Das-sagt-die-Polizei.html
Junge Freiheit (!): „Asylbewerber widersetzen sich ihrer Abschiebung“ https://jungefreiheit.de/politik/2018/asylbewerber-widersetzen-sich-ihrer-abschiebung/
Mittwoch, 16. Mai 2018
Klasse gegen Klasse: „Deggendorf: Wo Bayern für Refugees am schlimmsten ist“ https://www.klassegegenklasse.org/deggendorf-wo-bayern-fuer-refugees-am-schlimmsten-ist/
Rote Fahne News: „Flüchtlingspolitik – Polizeirazzia in niederbayerischem ,Transitzentrum‘“ https://www.rf-news.de/2018/kw20/polizeirazzia-in-niederbayerischem-transitzentrum
Donnerstag, 17. Mai 2018
Bayerischer Rundfunk: „Erneut Polizeieinsatz im Transitzentrum Deggendorf“ https://www.br.de/nachrichten/niederbayern/inhalt/erneut-polizei-einsatz-im-transitzentrum-deggendorf-100.html
Pressemitteilung der Polizei Bayern: „Polizeieinsatz im Bayerischen Transitzentrum Deggendorf“ http://www.polizei.bayern.de/niederbayern/news/presse/aktuell/index.html/279416
Merkur: „Nur vier statt zehn Personen reisen aus – Nächtlicher Einsatz in Asylheim: Flüchtlinge wehren sich gegen Abschiebung“ https://www.merkur.de/bayern/bei-polizeieinsatz-in-asylheim-werden-fluechtlinge-verletzt-9869924.html
Freitag, 18. Mai 2018
RTL: „Flüchtlinge als Medizintouristen? Münchener Arzt Cervat Kara widerspricht dieser These“ https://www.rtl.de/cms/fluechtlinge-als-medizintouristen-muenchener-arzt-cervat-kara-widerspricht-dieser-these-4164348.html
Süddeutsche Zeitung: „Arzt will keine Asylbewerber mehr behandeln“ http://www.sueddeutsche.de/bayern/fluechtlinge-transitzentrum-deggendorf-1.3980225
Deggendorfer Zeitung / PNP: „Polizeieinsatz im Transitzentrum Deggendorf wegen Abschiebung“ https://www.pnp.de/lokales/landkreis_deggendorf/deggendorf/2949734_Polizeieinsatz-im-Transitzentrum-Deggendorf-wegen-Abschiebungen.html
Deggendorfer Zeitung / PNP: „Wird aus dem Transitzentrum in Deggendorf ein ‚Anker-Zentrum‘?“ https://www.pnp.de/lokales/landkreis_deggendorf/deggendorf/2949963_Wird-aus-dem-Transitzentrum-in-Deggendorf-ein-Anker-Zentrum.html
Epoch Times: „Deggendorf: Wieder Abschiebe-Einsatz im Transitzentrum – Wieder Afrikaner verschwunden“ https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/deggendorf-wieder-abschiebe-einsatz-im-transitzentrum-wieder-afrikaner-verschwunden-a2439659.html?text=1
Samstag, 19. Mai 2018

Besuch der 209 Streikenden in Deggendorf am Montag, den 18. Dezember 2017

Heute Nachmittag waren einige solidarische Menschen in Deggendorf um sich mit den dort streikenden Geflüchteten über deren derzeitige Situation auszutauschen. Leider mussten die Gespräche in der Kälte vor dem sog. Transitzentrum stattfinden, weil den Besuchenden durch die Security der Zutritt zum Lager verweigert wurde. Besuche von Freund*innen wären nicht erlaubt. Kurzerhand kamen also zahlreiche Menschen aus dem Lager heraus um sich mit den Besucher*innen zu unterhalten.

Auf dem Gelände des „Transitzentrums“ befinden sich zwei große Gebäude. In einem befinden sich Menschen aus Aserbaidschan und dem Iran (ca. 80 Menschen). Im anderen, welches mit Stacheldraht umzäunt ist inklusive Wachhäuschen am Tor, leben ausschließlich Menschen aus Sierra Leone. Diese Trennung zieht sich durch den gesamten Alltag des Lager. So sind die verschiedenen 80-Cent-Jobs dort ebenso aufgeteilt. Gemäß einer Teile-und-Herrsche-Politik werden Menschen aus Sierra Leone lediglich in „Putzjobs“ und zur Instandhaltung in ihrer eigenen Unterkunft herangezogen, wohingegen den Menschen aus dem anderen Gebäude „bessere“ Jobs in der Kantine oder im Sozialamt vorbehalten sind.

Die Zustände im Lager sind ähnlich, wie dies bereits von anderen sogenannten „Transitzentren“ bekannt sind. Schlechter Allgemeinzustand des Gebäudes, krank machende sanitäre Ausstattung, kein Internetzugang, bis zu 8 Menschen auf einem Zimmer, welche zudem nicht abschließbar sind. Die Menschen können nicht selbst kochen, sondern müssen in der dafür vorgesehenen Kantine essen. Das Essen dort ist schlecht, zumindest gibt es Fälle bei denen sich u.a. schwangere Frauen davon übergeben müssen. Selbst kochen dürfen die Menschen nicht, da Kochutensilien ihnen weggenommen werden und das wenige Taschengeld ohnehin kaum dafür reicht, sich selbst Lebensmittel zu kaufen. Oder wie es ein Streikender formuliert: „They are killing us slowly“ („Sie töten uns langsam“).

Bei der versuchten Abschiebung eines Freundes vergangenen Freitag fassten sie den Entschluss, die Zustände und die fortwährenden Abschiebungen nicht mehr hinzunehmen. Sie zeigten uns Bilder seines traktierten Körpers. Sie sagen uns, dass sie so etwas nicht mehr zulassen werden. „If they come and take one‘s arm, we take the other arm“ („Wenn die Polizei nochmal kommt und jemanden am Arm packt, werden wir seinen anderen Arm festhalten.“) Es gäbe kein „Ich“ mehr, sondern nur noch „Wir“. Gemeinsam haben sie beschlossen die „sklavenähnlichen“ Arbeitsbedingungen und den Kantinenfraß zu boykottieren.

Am kommenden Mittwoch wollen sie tagsüber durch Deggendorf demonstrieren. Sie wollen ihre Kritik an die relevanten Behörden und Institutionen richten, wie etwa BAMF, Altem und Neuem Rathaus, Landratsamt oder Polizei. Letztere gesellte sich während der Gespräche mit mehreren Polizeikräften dazu und es wurde versucht, durch Einschüchterung den Kontakt zwischen geflüchteten und nicht-geflüchteten Menschen zu verhindern. Einer der Protestierenden erklärte, wieso er sich nicht davon abhalten lassen werde zu streiken: „Ich war 4 Tage auf Mittelmeer – ich habe viel Schlimmes durchgestanden – ich lasse mich von niemanden mehr einschüchtern.“

mehr Infos bei solidarity and resistance

oder auf der Seite der Protestierenden.

Bayern, Land der Lager. Und der Proteste.

In Regensburg soll zeitnah ein Transitzentrum entstehen. Menschen mit „geringer Bleibeperspektive“ sollen hier nach ihrer Einreise aufgefangen und gleich wieder abgeschoben werden. Die viel beschworene Inte- gration wird somit bereits im Keim erstickt. Doch in Bayern formiert sich Widerstand gegen die Abschiebepolitik. Ein Überblick. Von NoDeportation.Nowhere aus Regensburg.

Weiter zum kompletten Artikel, erschienen im Hinterland Magazin #35.

Ein Brief nach einer Abschiebung

Folgender Brief wurde von Zef und Matilda Bardhoku geschrieben. Die beiden wurden gemeinsam mit ihrer 2-jährigen Schwester und Mutter am 1. August in einer selbst für bayerische Verhältnisse brutalen Art und Weise nach Albanien abgeschoben. Ihr Vater befand sich zufällig zum Zeitpunkt des Starts der Abschiebung nicht im Abschiebelager in Ingolstadt/Manching. Das Auseinanderreißen der Familie, sowie ärtzliche Atteste ignorierten die Behörden.

 

Sehr geehrte Frau Angela Merkel,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wir, die dies schreiben, heißen Zef und Matilda Bardhoku. In diesem Moment sind wir in Albanien und wir sind sehr in Angst und Stress.
Am 1.8. um 6 Uhr ist die Polizei gekommen im Auftrag von der Zentralen Ausländerbehörde. Wir haben uns sehr erschrocken, weil wir noch im Schlaf waren; mein Vater war an diesem Tag nicht in der Unterkunft.
Die Polizei ist zusammen mit dem Jugendamt und einem Krankenwagen gekommen. Unsere Mutter ist seit 20. März psychisch krank. Sie ist drei Monate lang in Kliniken geblieben und wird seit einem Monat von einem Psychiater untersucht und behandelt. Meine zweijährige Schwester Ina wurde durch den ersten Abschiebeversuch traumatisiert und war drei Wochen in der Kinderklinik, sie wird immer mal von der Psychologin behandelt. Sie hatte am 9.8. einen Termin im Kinderzentrum. Am 20.7.17 hatte ihre Kinderärztin Franziska Baiert eine ÄRZTLICHE STELLUNGNAHME ZUR AKTUELLEN GESUNDHEITSSITUATION geschrieben, die wir der Polizei, Jugendamt und dem Arzt gezeigt haben. Der Arzt, den die ZOB bestellt hatte, wollte das gar nicht sehen. Meine Mutter hatte ein ärztliches Attest, da stand, dass meine Mutter in die Klinik in München-Schwabing gehen müsste. Nachdem wir ihnen alle Dokumente gezeigt hatten, hat der Doktor, den die ZOB bestellt hatte, gesagt, der Amtsarzt in München entscheide, ob sie fliegt oder nicht.
Mich, Matilda, haben die mit Gewalt genommen und zum Polizeiauto gebracht, und meine Mutter haben die mit Gewalt genommen, aber meine kleine Schwester hat das Jugendamt genommen. Meine Mutter wollte, dass wir alle in einem Auto fahren, die Polizisten haben meine Mutter mit Gewalt zu dem Krankenwagen gebracht und sie gefesselt. Ina und ich waren zusammen in einem Auto, unser Bruder in einem anderen Auto und unsere Mutter im Krankenwagen. Am Flughafen haben sie uns weiter getrennt gelassen, obwohl meine Mutter geweint hat und gesagt hat, dass sie mit uns bleiben will, doch niemand von denen wollte davon etwas wissen. Meine Mutter hat dem Arzt gesagt, er solle die Atteste ansehen, die bei mir waren.
Ich, Matilda, war da, wo die Polizisten miteinander geredet haben, dass die mit dem Herrn Herrmann gesprochen haben, und er hat gesagt, dass diese Familie abgeschoben werden muss. Meine Mutter haben die mit einem Rollstuhl bis zum Flugzeug gebracht. Als meine Mutter näher am Flugzeug war, war sie traumatisiert und hat geschrien vor Angst. Sechs Polizisten, der Ingolstädter Arzt und der Chef vom Flughafen haben meine Mutter mit sehr viel Gewalt gefesselt ins Flugzeug gebracht. Ich habe die ganze Situation durch das Fenster des Polizeiautos gesehen. Als wir Kinder ins Flugzeug hineingegangen sind, haben wir unsere Mutter in dieser schrecklichen Situation gesehen. Der Körper meiner Mutter war gefesselt, sie wurde außen herum von vier Polizisten festgehalten.
Uns haben die ganz hinten gelassen und meine Mutter war ganz weit weg von uns. Meine Schwester wollte die ganze Zeit zu meiner Mutter gehen, aber die Polizisten haben sie nicht gelassen. Meine Mutter war den ganzen Weg bis Albanien gefesselt.
Jetzt hat meine Mutter Verletzungen am Körper, sie hat sehr viel Kopfschmerzen, sie isst und schläft nicht. Sie hat jetzt auch angefangen, mit sich selbst zu reden. Wir sind bei einer Familie zum Übernachten geblieben, weil wir Angst haben, zu uns nach Haus zu gehen. Meine Mutter kriegt keine Medikamente und sie muss ins Klinikum, aber diese Familie kann ihr nicht helfen, und meine Schwester hat keinen Betreuer, obwohl meine Mutter krank ist. Wir befinden uns in einer schlechten Situation ohne meinen Vater und ohne Sozialhilfe.
Damen und Herren der deutschen Republik, in meinem Namen haben wir auch eine Petition im Deutschen Bundestag eingereicht, dort sind auch die Dokumente unserer Familie.
Ich bitte auch, dass meine Familie wieder nach Deutschland kommt und meine Mutter und meine Schwester ihre Behandlung kriegen und dass wir zusammen mit unserem Vater sind wie eine Familie. In keinem EU-Land ist es rechtmäßig, dass die Familie getrennt wird. Wir haben sehr sehr Angst.
Ich hoffe, dass Ihr uns helft.
Zef und Matilda Bardhoku

Brutale Abschieberealität in Bayern

Am Morgen des 1. August wurde eine Frau mit ihren drei Kindern aus dem Lager in Ingolstadt/Manching abgeholt und direkt nach Albanien abgeschoben.

Fassungslos macht dabei das Vorgehen der Behörden:
Die Familie wurde auseinandergerissen, der Vater befand sich zu dem Zeitpunkt zufällig nicht im Lager, er blieb allein zurück in Deutschland.
Für die Frau liegen Atteste vor, die eine psychische Krankheit und eine Reiseunfähigkeit bescheinigen, diese wurden als “Gefälligkeitsgutachten” abgetan.
Sie wurde getrennt von ihren Kindern mit einem Krankentransport (!) zum Flughafen gebracht.
Die Frau und der 14-jährige Sohn wurden an Händen und Füßen gefesselt. Die Frau war die gesamte Dauer über gefesselt, ihre Arme sind übersäht mit blauen Flecken.
Dies war bereits der 3. gewaltsame Abschiebeversuch für die Familie, die beiden vorangegangenen wurden jeweils von Ärzt*innen im letzten Moment am Flughafen gestoppt. Durch diese Versuche wurden die Mutter und die 2-jährige Tochter schwer traumatisiert und der Rest der Familie stand unter Schock.

In Reaktion auf diese brutale Abschiebung wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. August die Zentrale Ausländerbehörde von Oberbayern (ZAB) in München mit Bildern und Filmen belichtet. Eine Projektion mit dem Schriftzug „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sowie der Musikclip „borders“ der Sängerin M.I.A. die in ihrem Lied auf die aktuelle Situation von Menschen auf der Flucht aufmerksam macht, zierten kurzfristig die Fassade der Behörde. Die Regierung von Oberbayern entscheidet hinter den Wänden der ZAB täglich über die Leben von Menschen. Entzieht sich allerdings oft der Verantwortung, wenn es um die Verletzung von Menschenrechten durch die zuständigen Institutionen geht. Mit der Kunstaktion letzte Nacht sollten die Akteur*innen des Abschieberegimes Bayern beleuchtet werden. Das ehemalige und aktuelle Gebäude der ZAB wurden symbolisch für alle Institutionen gewählt, die für die rigorose Abschiebepolitk in Deutschland verantwortlich sind oder waren.

Das Projektionskollektiv Bunt statt Grau erklärt: „Wir sind wütend. Was ist das für eine Praxis, in der Familien getrennt, minderjährige und kranke Menschen an Händen und Füßen gefesselt werden, um sie gegen ihren Willen mit Polizeigewalt zurück in ihre Herkunftsländer abzuschieben wo sie lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind.“ Sie verlangen mehr Verantwortungsbewusstsein von Behörden und Institutionen, die mit asylsuchenden Menschen arbeiten. Mit der Aktion in der Nacht vom dritten August wurden unter anderem Forderungen nach der Rückkehr gewaltsam auseinandergerissenen Familien, einem allgemeinen Abschiebestopp sowie der Anerkennung ärztlicher Atteste gestellt.

Am Fall dieser Familie zeigt sich das brutale Vorgehen gegen Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, sowie die brutale Abschiebepraxis der Regierung von Oberbayern. Sowohl in den Abschiebelagern in Bamberg und Ingolstadt/Manching, als auch in den neueröffneten Lagern in Regensburg und Deggendorf, die verharmlosend „Transitzentren“ genannt werden, zeigt sich das gesamte Ausmaß der menschenverachtenden Abschiebepolitik. Isoliert leben Menschen dort mit der täglichen Lebensrealität: Abschiebung. Mehrmals wöchentlich bekommen Familien und Einzelpersonen mit, wie früh morgens die Polizei Leute aus dem Lager abführt und diese zurück in ihre Herkunftsländer schafft. Sie selbst bangen währenddessen, im Kampf gegen Asylbescheide die Nächsten zu sein. Durch die neu geschaffenen Lager sowie den aktuellen Abschiebefall wird deutlich, dass seitens der Behörden systematisch psychischer Druck auf die Menschen ausgeübt wird, die sich in Deutschland Sicherheit erhoffen.